Im St. Walburga-Krankenhaus Meschede fand jetzt ein offener Gedankenaustausch über die jüngsten EU-Pläne zur Akademisierung der Pflege statt. Zum anschließenden Gruppenbild trafen sich Dr. Peter Liese (v.r.), Lisa Kremer, Karl-Philipp Krick, Anja Rapos, Hans-Dieter Kisling sowie Peter Schauerte.

Neue EU-Pläne zur "Akademisierung der Pflege" stoßen auf Kritik

[08.10.2012]

„Akademisierung der Pflege“? Nach den Worten des südwestfälischen CDU-Europaabgeordneten Dr. Peter Liese, der sich im St. Walburga-Krankenhaus Meschede mit Geschäftsführerin Anja Rapos, dem stellvertretenden Pflegedienstdirektor Peter Schauerte sowie Hans-Dieter Kisling, Leiter der Verbund-Krankenpflegeschule, zum offenen Gedankenaustausch traf, stünde dies demnächst an – würden jüngste Pläne der Europäischen Kommission tatsächlich verwirklicht. Aus Gründen besserer Vergleichbarkeit hatte das EU-Gremium bei der Neufassung der Berufsanerkennungsrichtlinien jetzt angeregt, Zulassungsbedingungen für die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie Geburtshilfe zu verschärfen. Demnach soll sie nur noch möglich sein, wenn vorab eine zwölfjährige Schullaufbahn absolviert wurde - was inzwischen 24 von 27 EU-Mitgliedsstaaten verlangen. Oder um es plakativer zu formulieren: Ohne Abitur geht dann nichts mehr. 

"Falsches Menschenbild"

Eine Regelung, gegen die jedoch Liese, der sich mit seinen kritischen Anmerkungen hierzulande von einer Mehrheit des Deutschen Bundestages getragen weiß, deutlichen Widerstand ankündigte. Für ihn sei es höchst problematisch, betonte der Parlamentarier, dass durch das angedachte Prozedere rund fünfzig Prozent interessierter Pflegeschüler und -schülerinnen in Deutschland schon im Vorhinein von einem Heilberuf ausgeschlossen würden. Darüber hinaus offenbare das Brüsseler Vorhaben „ein falsches Menschenbild“: Die Persönlichkeit des Einzelnen dürfe nicht erst ab dem Reifezeugnis gemessen werden, monierte der Christdemokrat. So habe er während der eigenen Tätigkeit als Mediziner zigmal erlebt, wie wertvoll, wie nützlich die fundierten Kenntnisse und sachgerechten Erfahrungen der Stationsmitarbeiter bei der Behandlung von Patienten gewesen wären.

Sowieso: Das in der Bundesrepublik bewährte, zudem recht erfolgreiche duale Ausbildungssystem garantiere ein ähnlich hohes Niveau wie in anderen Ländern - warum daher die Eingangsvoraussetzungen zuspitzen? „Es ergibt keinen Sinn, darüber hinaus verschlimmert man auf diese Weise lediglich den Personalnotstand.“

Sensibler Arbeitsmarkt

Der perspektivisch drohende Fachkräftemangel auf einem ohnehin sensiblen Arbeitsmarkt war zugleich das Stichwort für Anja Rapos. Allerdings: Dass inhaltliche Anforderungen stetig steigen würden, vergaß sie ebenfalls nicht zu erwähnen. Durch Fachweiterbildungen oder Zusatzkurse könne es aber gelingen, das individuelle Profil der Beschäftigten dem fortschreitenden Bedarf anzupassen. Generell missfiel ihr der apodiktische Ansatz des EU-Entwurfes: „Mit einer ,Entweder-oder-Position‘  kommen wir nicht voran“, unterstrich Rapos.

Statt nun mit einem „Hauruck-Verfahren“ das bisherige System in Frage zu stellen, plädierte sie dafür, eher „nach oben hin“ durchlässigere Qualifikationsmodule zu schaffen. Die Diplom-Betriebswirtin schloss sich der Skepsis von Liese an, ob angesichts des nach wie vor zu erwartenden Kostendrucks im Gesundheitswesen ein künftig aufgewerteteres Berufsbild bessere Besoldungen bewirke.

Ausbalanciertes Gesamtkonzept

Dass sich ein angehobenes Level auf die praktischen Erfordernisse des Klinikbetriebs vermutlich negativ niederschlage, darauf wies Peter Schauerte hin - neben dem Pflegedienstbereich in Doppelfunktion für das Qualitätsmanagement verantwortlich: „Wer erledigt dann banalere Tätigkeiten wie Betten beziehen oder Nachttischchen auswaschen? Fühlen sich Fachkräfte  mit dem Abi und gegebenenfalls einem Studienabschluss in der Tasche am Ende unterfordert?“

Als Negativ-Beispiel nannte Liese Großbritannien, wo Krankenpfleger gehalten sind, sich für ein Studium einzuschreiben. Die Folge? Dort würden einfache Arbeiten häufig an ungelerntes Hilfspersonal delegiert, was Berichten zufolge bisweilen unwürdige Situationen schaffe. Um derlei Zustände zu vermeiden, favorisierten Schauerte und Rapos ein ausbalanciertes, das gesamte Aufgabenspektrum berücksichtigendes Gesamtkonzept, das niedrigschwelligere Tätigkeitsmerkmale gleichermaßen integriere. Diesem Vorschlag konnte sich zudem Kisling anschließen. Als Leiter der auf dem Gelände am Schederweg angesiedelten Krankenpflegeschule hatte er während der freimütig geführten Gesprächsrunde aber nicht verhehlt, aus „berufspolitischen Überlegungen“ der besagten EU-Vorlage auch durchaus positive Aspekte abzugewinnen.

Gravierende Nachteile

Nach dem zweistündigen Treffen zog Liese ein vorläufiges Fazit: „Die Kommission sollte das Ansinnen ad acta legen, die Nachteile sind zu gravierend.“ Mittlerweile ist die Debatte auf oberster Ebene angelangt: Wie der CDU-Mann ergänzend hinzufügte, hat sich bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel des Themas angenommen.